Samstag, März 03, 2007

Gastkommentar

Das Meinungs-Klima
von Christian Schütte


erschienen am Mittwoch, den 21.2.2007
in der Financial Times Deutschland

Vergangene Woche hat das Landgericht Mannheim den Holocaust-Leugner Ernst Zündel wegen Volksverhetzung zu fünf Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Claudia Roth, die Vorsitzende der Grünen, begrüßte das Urteil gewohnt vehement.
"Gefährlichen geistigen Brandstiftern muss mit den Mitteln des Rechtsstaats jede Möglichkeit genommen werden, ihre verlogenen (...) Hetztiraden zu verbreiten."
Ebenfalls in der vergangenen Woche stellte die amerikanische Kolumnistin und Pulitzerpreisträgerin Ellen Goodman im "Boston Globe" folgende steile These auf: "Sagen wir einfach, dass die Leugner der globalen Erwärmung inzwischen auf einer Stufe mit den Leugnern des Holocaust stehen. Obwohl die einen die Vergangenheit und die anderen die Gegenwart und die Zukunft leugnen."
Es wäre interessant zu erfahren, ob Claudia Roth das auch so sieht. Wenn ja, dann hätten wir nämlich ziemlich bald ein großes Problem.

Historie und Hypothese
Das gesetzliche Verbot der Holocaust-Leugnung ist ein Drahtseilakt in der offenen Gesellschaft, ein Spezialgesetz gegen die Meinungsfreiheit, das die Opfer eines Großverbrechens schützen soll. Ob es wirklich Hetze verhindert, ist sehr die Frage. Ignoranz bekämpft man normalerweise nicht, indem man sie verbietet, sondern indem man sie ätzend kritisiert.
Immerhin handelt es sich beim Holocaust aber um eine unwiderlegbare historische Tatsache, die durch Zeugenaussagen und Dokumente bewiesen ist.
Zukünftige Erderwärmung dagegen hat nicht nur nichts mit absichtsvoll organisiertem Völkermord zu tun. Sie ist auch - sorry, gute Frau Goodman - keine Tatsache, sondern nur eine wissenschaftliche Hypothese, die zunehmend für plausibel gehalten wird. Bereits das Wort "leugnen" ist deshalb vollkommen fehl am Platze. Wer leugnet, stellt sich gegen eine bewiesene Wahrheit. Wissenschaftliche Hypothesen und Prognosen können allenfalls bestritten und kritisch überprüft werden. Genau das zu tun ist nach ihrem Selbstverständnis allerdings auch die zentrale Aufgabe von Wissenschaft.
Die Pointen einer hysterischen amerikanischen Kolumnistin wären nicht weiter der Rede wert, wenn sie nicht bezeichnend für einen breiten Trend in der öffentlichen Meinung hier wie in den USA wären. Mit dem Kampfruf "Jetzt ist die Zeit zum Handeln gekommen!" wird gerade ein radikaler Schlussstrich unter alle naturwissenschaftlichen und politischen Klimakontroversen propagiert.
Die schöne neue Welt kennt keine Parteien mehr - sie kennt nur noch Klimaschützer. Der Film zur Kampagne wird dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore am kommenden Wochenende vermutlich sogar einen Oscar eintragen. Sinnigerweise wirbt das Plakat für seinen Streifen "Eine unbequeme Wahrheit" gleich mit einer bequemen Unwahrheit, nämlich einem Hurrikan, der aus einem Fabrikschlot quillt. Hurrikanforscher sehen bislang allenfalls einen geringen Einfluss von Treibhausgasen auf die Sturmaktivität. Sie leugnen kollektiv, würden manche Kolumnisten dazu wohl sagen.

Zweifellos steht jeder Wissenschaftler, Politiker oder Journalist, der sich mit dem Thema Klimawandel beschäftigt, vor einem riesigen Kommunikationsproblem. Die Hypothese von der menschengemachten Erderwärmung wird im Wesentlichen durch immer aufwendigere Computermodelle gestützt, die außer ihren Entwicklern und Betreibern kein Sterblicher wirklich nachvollziehen kann.
Akzeptiert man allerdings diese Hypothese, dann leiten sich daraus womöglich Vorsorgemaßnahmen ab, die gewaltige ökonomische Anstrengungen und politische Strukturveränderungen erfordern können. Der Klimacomputer verlangt die Revolution.
Wo die Kluft zwischen komplizierter Evidenz der Forschung und den drastischen Schlussfolgerungen für das Alltagsleben so groß ist, da ist die einfachste Lösung der große psychologische Sprung: fester Glaube und offensive Missionsarbeit; Ausgrenzung und Diskreditierung aller Zweifler und Andersgläubigen; Volksaufklärung aus allen Rohren und auf allen Kanälen.
Wissenschaft ist weiter gern gesehen - aber nur, wenn sie hergibt, was der Betrunkene von der Laterne erwartet: Stütze statt Erleuchtung.
Da macht dann jeder gern mit, der immer schon am besten wusste, wie die Nachbarn ihr Leben einrichten sollten: Automarke, Urlaubsziele, Ofentechnik oder Kindererziehung - alles viel zu überlebenswichtig, um es einfach dem Markt und den freien Entscheidungen einer unaufgeklärten Masse zu überlassen.

Die Alarmismus-Falle
Auf die Dauer ist diese Politik allerdings ziemlich gefährlich. Sie riskiert nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, weil sie sich im Alltag in unzähligen Widersprüchen verstricken wird. Wie passt es etwa zur Eins-vor-zwölf-Rhetorik, dass zugleich Flughäfen als Jobmotor gefeiert werden? Dass hohen Gas- und Strompreisen, die ja immerhin sparsameren Umgang mit Energie erzwingen, dieser Tage im Namen des Volkes der Kampf angesagt wird?
Mit eifernden Missionaren lässt sich auch keine rationale Klimastrategie entwickeln. Die größte Gefahr gehe heute nicht mehr von den Skeptikern, sondern von den Alarmisten aus, warnte unlängst gar einer der Pioniere der Klimaforschung, der Brite Michael Hulme. Er selbst werde immer öfter von Aktivisten attackiert, denen seine Äußerungen nicht dramatisch und zugespitzt genug klängen. Hulmes Wunsch: "Wir sollten alle mal eine Pause einlegen und tief durchatmen."
Eine vernünftige Klimaschutzpolitik braucht keine Schock-Propaganda und keinen wieder aufgewärmten Antikapitalismus, keine Endzeitprediger und keine Massenbewegung von Öko-Blockwarten. Sie braucht eine nüchterne Diskussion darüber, wie viele Ressourcen für Risikovorsorge eingesetzt werden sollen, wie sich eine Emissionsminderung am effizientesten organisieren lässt und wie sie am besten mit anderen politischen Zielen zu verbinden ist. Etwa der langfristigen Sicherung einer Energieversorgung, die möglichst unabhängig von den Launen einiger Öl- und Gaspotentaten ist.
Für den Anfang sollte auf jede Klimaschutzbroschüre wenigstens der Warnhinweis gedruckt werden, den der libertäre US-Journalist HL Mencken bereits vor Jahrzehnten formulierte: "Der Drang, die Welt zu retten, ist fast immer eine Fassade für den Drang zu herrschen."

Christian Schütte ist Kommentarchef der FTD
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors